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HALLUZINATIONEN

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Sinnestäuschungen gibt es nicht nur bei Schizophrenie

Halluzinationen, auch Sinnestäuschungen, Trugwahrnehmungen oder wirklichkeitsfremde Überzeugungen genannt, gehören zu den eindrücklichsten psychischen Symptomen. Sie kommen auf allen Sinnesgebieten, manchmal auf mehreren gleichzeitig vor. Da wird etwas gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt oder gespürt, was für den Außenstehenden nicht nachvollziehbar ist - mitunter nachhaltiger als jede reale Wahrnehmung.

Halluzinationen kommen aber - entgegen landläufiger Meinung - nicht nur bei der Schizophrenie vor. Dort sind sie nicht einmal bei jedem Kranken anzutreffen. Dagegen findet man sie nicht selten bei einer Reihe weiterer seelischer, vor allem auch körperlicher Erkrankungen.

Welches sind die häufigsten Formen?

· Gehörs-Halluzinationen

Bei den akustischen oder Gehörs-Halluzinationen, auch Gehörstäuschungen genannt, handelt es sich entweder um Lärm oder Geräusche (sogenannte Akoasmen) oder um Laute, Worte, Sätze, Geflüster oder Stimmen (Phoneme). Meist dominieren Stimmen einer oder mehrerer Personen, bekannt oder unbekannt, männlich, weiblich, verwaschen, deutlich, aus Nähe oder Ferne, aus der Wand, dem Nachbarhaus, einer Antenne, aber auch aus dem eigenen Leib, aus Kopf und Blut usw. Gewöhnlich sind es nur einzelne Worte oder kurze Sätze. In den jeweiligen Gedankengang passen sie meist nicht hinein, sondern unterbrechen und stören ihn, wie wenn eine wirkliche Person hinzutritt und sich in das Gespräch einmischt. Meist unterhalten sie sich über den Betroffenen, nicht selten über die intimsten Dinge. Manchmal geben sie auch Befehle, was dann zu unverständlichen Handlungen führen kann (nur selten aber zu Aggressionen).

Akustische Halluzinationen finden sich vor allem bei der Schizophrenie, können aber auch bei der (endogenen, d. h. biologisch begründbaren) Depression vorkommen, dort zumeist mit Vorwürfen, Drohungen und Beschimpfungen. Möglich auch bei organischen Psychosen, also Geisteskrankheiten aufgrund körperlicher Beeinträchtigung, zum Beispiel einem Delirium tremens (Stimmen, Musik, Straßenlärm) durch Alkohol oder bestimmte Giftstoffe.

Nicht jede akustische Halluzination ist krankhaft

Eines ist jedoch wichtig zu wissen: Nicht jede Hörtäuschung ist ein krankhaftes Zeichen. Manchmal sind Patienten mit plötzlichen Ohrgeräuschen (Tinnitus) völlig ratlos, was ihr Rauschen, Sausen oder Klingen bedeuten soll - vielleicht sogar Halluzinationen? Hier gilt es den HNO-Arzt abklären zu lassen. Normal ist auch, wenn z. B. ein Verwitweter die Stimme seines verstorbenen Partners "hört", oder ein einsamer Wanderer in Extremsituationen "höheren Zuspruch" erfährt.

Im Übrigen wird gerade bei akustischen Halluzinationen vermehrt die Frage diskutiert, was ist krankhaft, was "normal" oder zumindest grenzwertig verstehbar.

· Optische Halluzinationen

Optische oder Gesichts-Halluzinationen äußern sich meistens in Lichtern, Farben, Blitzen, manchmal auch mehr oder weniger deutlichen Gestalten, Figuren, Szenen usw. Photome sind solche Blitze, Funken, Flecken. Visionen dagegen sind szenisch ausgestaltete Halluzinationen, meist farbenprächtig und detailliert, häufig religiös-mythologischen oder allegorischen Charakters. In nicht-krankhafter Form kommen sie bei religiöser Ekstase, in der Meditation u. ä. vor.

Nicht nur krankhaft, sondern ausgesprochen beängstigend sind die schnell wechselnden szenenhaften Abläufe im Delir (zumeist Alkohol, aber auch Rauschdrogen, sonstige Schadstoffe, gelegentlich auch durch andere äußere oder innerlich-krankhafte Einflüsse). Hier handelt es sich meist um Käfer, Würmer, Spinnen, Mäuse oder sonstiges Ungeziefer, das sich auf den Kranken bedrohlich zubewegt.

Optische Halluzinationen finden sich bei Schizophrenien seltener als vermutet. Hier gilt es auch nach Erkrankungen des Auges, der Sehbahn, des Hinterhauptlappens des Gehirns und nach Epilepsie zu fahnden. Auch Depressive mit ihren Versündigungs- und Verdammungsgefühlen können Teufelsfratzen, Schattenfiguren von Skeletten und Tod erscheinen. Und den deliranten Alkoholkranken bewegen vor allem die erwähnten kleinen Tiere (wobei die berühmten "weißen Mäuse" eher selten sind). Ähnliches gilt auch für Kokainisten (siehe später). Zermürbend, weil angstvoll-bedrohlich sind optisch-halluzinatorische Verwirrtheitszustände im höheren Lebensalter, z. B. bei organischen Psychosen in der Demenz ("Fremde im Zimmer oder gar im eigenen Bett").

· Geruchs- und Geschmacks-Halluzinationen

Nicht sehr häufig sind olfaktorische, also Geruchs-Halluzinationen sowie gustatorische, also Geschmacks-Sinnestäuschungen. Da riechen die Betroffenen Benzin, Schwefel, Teer, Rauch, Gas, Verbranntes oder einfach Gift, Aas, Fäulnis und Verwesung, was unlokalisierbar oder aus bestimmten Ritzen, Geräten, Löchern usw. dringt. Oft auch kombiniert mit den erwähnten Geschmacks-Halluzinationen, also bitter, salzig, übersüßt, sauer, fäkalisch, schwefelig, nach Gewerbegiften, Kloake u. a. Die Reaktion kann man sich vorstellen: ratlos, entsetzt, ängstlich, Nahrungsverweigerung, Vergiftungsideen, im Extremfall "Gegenreaktionen" in Wort und Tat.

Natürlich kommen Geruchs- und Geschmacks-Halluzinationen vor allem bei Schizophrenien vor. Aber auch bei Tumoren in bestimmten Regionen des Gehirns und als Vorstadium bei epileptischen Anfällen. Auch schwer depressiv Erkrankte vermeinen im Extremfall zu "verrotten", was sich dann ggf. in entsprechenden Geruchs- und Geschmacks-Halluzinationen zu äußern vermag.

· Berührungs-Halluzinationen

Sehr verwirrend sind sogenannte taktile oder haptische, also Berührungs-Halluzinationen: berühren, angreifen, festhalten, anblasen, brennen, stechen, bohren, grabbeln, würgen, sengen, aber auch elektrisieren, bestrahlen, magnetisieren u. a. Manchmal gibt es sexuell getönte Berührungs-Halluzinationen bis hin zum Empfinden manipuliert, missbraucht, vergewaltigt oder misshandelt zu werden. Mehr oder weniger eigenständige Berührungs-Halluzinationen sind der Dermatozoenwahn (unter der Haut krabbelnde Tierchen) und der Enterozoenwahn (Ungeziefer im Körperinneren).

Taktile und haptische Halluzinationen kommen vor allem bei organischen Psychosen vor, also toxischen Delirien durch Alkohol oder Rauschgifte, insbesondere Kokain. Aber auch bei organischen Psychosyndromen, z. B. im höheren Lebensalter. Und bei der Schizophrenie. Dort dominiert dann vor allem - wie bei den meisten schizophrenen Symptomen - das Gefühl des "von anderen Gemachten", also die Angst vor Fremd-Manipulationen.

· Trugwahrnehmungen des Gleichgewichtssinnes

Vestibuläre Halluzinationen oder Trugwahrnehmungen des Gleichgewichtssinnes äußern sich in Empfindungen des Schwebens, Fliegens, Fallens, Schwankens, Erhebens, Gehobenseins, Bewegtwerdens usw. Hier dominieren Vergiftungs-Psychosen (vor allem Halluzinogene wie Haschisch/Marihuana, LSD u. a.) und hirnorganische Psychosen (Geisteskrankheiten durch strukturelle Veränderungen des Gehirns, z. B. Alterserscheinungen, Vergiftung u. a.). Seltener beteiligt ist die Schizophrenie.

· Leibhalluzinationen

Leibhalluzinationen oder leibliche Wahrnehmungsstörungen, auch mit dem schwierigen Begriff "Zoenästhesien" bezeichnet, sind eigenartige Leibgefühle, die als körpereigene Störungen oder als "von außen gemacht" empfunden werden. Manchmal anfallsweise, manchmal chronisch. Von ihnen redet sonderbarerweise niemand, dabei gehören sie zum quälendsten überhaupt. Manchmal sind sie so schwer zu schildern, dass sich viele Betroffene gezwungen sehen, fast schon groteske Vergleiche oder Bilder oder gar Wortneubildungen zu bemühen. Häufig gibt es fließende Übergänge zu anderen Halluzinationen. Einzelheiten siehe Kasten.

Leibhalluzinationen

Beschwerdebild: versteinert, vertrocknet, geschrumpft, leer, hohl, verstopft, durchflutet, bestrahlt, dazu Bohren, Reißen, Brennen, Stechen, Elektrisieren, Temperaturbeeinflussung sowie Hitzewallungen, Kälteschauer u. a. Auch diffuse oder umschriebene Schmerzempfindungen, besonders aber unfassbare Leibentstellungen.

Leibentstellungen: Der Körper wächst, wird verzerrt, dicker, schwerer, leichter; einzelne Körperteile wechseln ihre Größe und Form, sind inwendig aus Stein, Metall, Holz oder Plastik u. a. Noch grotesker sind Einschnürungen oder das Verfaulen der Leber, das Heraus- oder Zerschneiden des Herzens, Verwesung des Darms, Parasitenbefall der Milz, Zersetzen der Bauchspeicheldrüse, Zerfressen der Lunge, Verflüssigung des Gehirns und andere Wahnvorstellungen.

Auch bizarre Bewegungs-, Zug- und Druckempfindungen im Körperinneren oder Reifen-, Band- und Ringgefühle bis zum Empfinden einer Strangulation (Erwürgen). Dazu abnorme Schwere- oder Leichtigkeitsgefühle, Fall-, Sink-, Schwebe- und sonstige Phänomene.

Schließlich Verkleinerung, Schrumpfung oder Einschnürung bis hin zu Atemnot oder Erstickungspanik.

Erschreckend auch Scheinbewegungserlebnisse der Gliedmaßen und plötzliche Bewegungsschwäche oder gar sogenannte Bannungs-Zustände, in denen sich der Betroffene nicht mehr bewegen und sprechen kann.

Zoenästhetische Halluzinationen finden sich vor allem bei der Schizophrenie, aber auch bei hirnorganischen Veränderungen und gelegentlich Vergiftungs-Psychosen. Weniger ausgeprägt bei hypochondrischen Depressionen ("Verfall").

Therapeutische Möglichkeiten

So schlimm sich Halluzinationen und ihre Folgen anhören, so tröstlich ist doch die Erkenntnis: Seit es Neuroleptika, also antipsychotisch wirksame Psychopharmaka gibt, sind diese erschreckenden und quälenden Krankheitszeichen gut beherrschbar. Zwar haben ausgerechnet diese Medikamente einen schlechten Ruf ("Pillenkeule", "chemische Zwangsjacke"), was vor allem auf bestimmte Nebenwirkungen zurückgeht (sogenannte extrapyramidal-motorische Bewegungseinschränkungen). Doch diese sind vermeidbar, zum einen durch eine dem jeweiligen Organismus angepasste Dosierung (hier gibt es erhebliche Empfindlichkeitsunterschiede, die meist nicht berücksichtigt werden), zum anderen durch moderne Neuroleptika, die solche Begleiterscheinungen nicht mehr entwickeln, vor allem in diesem Ausmaß.

Auf jeden Fall gelten bei den Schizophrenien die paranoid-halluzinatorischen Psychosen mit ihren Trugwahrnehmungen als neuroleptisch besonders gut behandelbar. Ähnliches gilt auch für andere Krankheitsbilder mit Sinnestäuschungen. Hier hat die "Chemie" die Heilungsaussichten geradezu spektakulär verbessert. Das sollte man nutzen (Prof. Dr. med. Volker Faust).

Bei allen Ausführungen handelt es sich um allgemeine Hinweise.
Bei persönlichen Anliegen fragen Sie bitte Ihren Arzt.
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